Theorie der Lyrik

Gespeichert unter: Theorie der Lyrik — 1. Januar 2007 @ 21:26

Zur lyrischen Einstimmung zuerst mal ein älteres Gedicht:

Etymologie

Goldgeäst des Vergehens.
Graugeäst der Erfahrung darunter.
Vielleicht bleibt die
im Wort
als Kristallstruktur
der Kommunikations-Tools
im Speicher der Völker.

Die reale Welt und die (bei den antiken Kelten geglaubte) Anderswelt lassen sich meiner Erfahrung nach mit Lyrik in Beziehung bringen und dadurch neue Welten erschaffen. Dies ist die Grundstimmung, aus der heraus meine Lyrik entsteht. Ich verstehe sogar Lyrik überhaupt so, dass sie nicht die reale Welt, auch nicht reale Gefühle, Stimmungen usw. einfach abbildet, ohne dass Beziehungen zu anderen Welten mitspielen. Damit hat Lyrik die Funktion, Alternativen aufzuweisen und (nach-)empfinden zu lassen und zu einer besseren Welt beizutragen.

Deshalb mag ich Vergleiche mit “wie” nicht so sehr, wenn genausogut davon ausgegangen werden kann, dass Identifikationen in den verglichenen Bildern, Gegenständen, Situationen, Begebenheiten usw. auftreten (könnten). Wenn aber davon n i c h t ausgegangen werden kann, finde ich wie-Vergleiche meistens platt.

Außerdem mag ich Reime nicht so sehr, wenn sie den Eindruck vermitteln, dass das, was sich reimt, auch stimmt, ohne dass die empfundene Wahrheit durch die lyrische Empfindung abgedeckt ist.

Das heißt aber nicht, dass ich Form für eine untergeordnete Kategorie der Lyrik halte. Die Sprache muss einen passenden Rythmus haben und einer passenden Sprachebene angehören. Das alles hängt jeweils mit den Wesensmerkmalen der zur Deckung gebrachten “Realitäten” zusammen.

Vorläufige Schlussbemerkung: Eine unerschöpfliche Quelle der Lyrik ist übrigens die im Eingangsgedicht apostrophierte Etymologie, also die Kunde von der Herkunft der Wörter. Wie viele verschiedene Ebenen der Realität, also wie viele Welten oft in einem Wort zusammenfließen, ist für mich immer wieder faszinierend.

1 Kommentar »

  1. brunikantz:

    Ich denke, für jeden, der denkt, er könne ein Lyriker sein, ist es ein Bedürfnis, sich die Herkunft der Worte ins Bewußtsein zu rufen und alles gegen einander abzuwägen. Die Herkunft ist wichtig, die Spielerei mit den verschiedenen Worten ist ein Qell, aus dem immer wieder Neues sprudelt.
    Das Ausschöpfen der Möglichkeiten ist spannend und bei jedem neuen Gedicht, welches man/Frau schafft, ist man selbst entzückt darüber, daß aus den alten Dingen doch wieder etwas Neues entstehen konnte. Oft bin ich verwundert und fasse es nicht. Wie oft wurde z.B. der Mond “besungen”, wie oft wurde die Sonne benutzt und immer wieder gibt es neue Schöpfungen aus dem Sprachschatz, der einem zur Verfügung steht und der sich auch aus dem Alltäglichen unentwegt speist.
    Jede Welt, mit der wir in Berührung kommen - selbstverständlich auch die vergangenen - nimmt uns auf und gibt Impulse an uns ab. Deshalb ist es so wichtig, in sich hineinzuhören und zur gleichen Zeit das zu beachten, was die Neuzeit dazu sagt.
    Wir leben jetzt und lebten auch schon früher. Alles ist in uns versammelt. Wir müssen nur lernen, es abzurufen.

    LG von Bruni

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