Adornos Sicht

Gespeichert unter: Theorie der Lyrik — 20. Februar 2007 @ 15:35

Gerade habe ich das folgende Zitat Adornos gefunden und mich in meinen Gedanken aus “Theorie der Lyrik” sehr bestätigt gefunden:

“Sie empfinden die Lyrik als ein der Gesellschaft Entgegengesetztes, Individuelles. Ihr Affekt hält daran fest, daß es so bleiben soll, daß der lyrische Ausdruck, gegenständlicher Schwere entronnen, das Bild eines Lebens beschwöre, das frei sei vom Zwang der herrschenden Praxis, der Nützlichkeit, vom Druck der sturen Selbsterhaltung. Diese Forderung an die Lyrik jedoch, die des jungfräulichen Wortes, ist in sich selbst gesellschaftlich. Sie impliziert den Protest gegen einen gesellschaftlichen Zustand, den jeder Einzelne als sich feindlich, fremd, kalt, bedrückend erfährt, und negativ prägt der Zustand dem Gebilde sich ein: je schwerer er lastet, desto unnachgiebiger widersteht ihm das Gebilde, indem es keinem Heteronomen sich beugt und sich gänzlich nach dem je eigenen Gesetz konstituiert. Sein Abstand vom bloßen Dasein wird zum Maß von dessen Falschem und Schlechtem. Im Protest dagegen spricht das Gedicht den Traum einer Welt aus, in der es anders wäre. Die Idiosynkrasie des lyrischen Geistes gegen die Übergewalt der Dinge ist eine Reaktionsform auf die Verdinglichung der Welt, der Herrschaft von Waren über Menschen, die seit Beginn der Neuzeit sich ausgebreitet, seit der industriellen Revolution zur herrschenden Gewalt des Lebens sich entfaltet hat.” (S. 51f.)

Aus Theodor W. Adorno: Rede über Lyrik und Gesellschaft, in: ders.: Noten zur Literatur, hg. v. Rolf Tiedemann, Frankfurt/M. 1981, S. 49-68    -    zitiert nach http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/lyrik/main.htm

Der Satz “Sein Abstand [also der des lyrischen Gebildes] vom bloßen Dasein wird zum Maß von dessen Falschem und Schlechtem.” ist vielleicht etwas überpointiert, aber er ermöglicht den Einfluss des Anderswelt-Denkens und -Fühlens als Korrektiv.

Soweit ich Adorno begreife, ist mit seinem Zitat auch die Problematik von gesellschaftlich geforderter und im Wirkenwollen bei der Veränderung der Gesellschaft beanspruchter Authentizität angesprochen.

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