Zugang zur Lyrik vom Traum aus

Gespeichert unter: Theorie der Lyrik — 18. März 2007 @ 13:52

Träume sind Antworten auf das, was um uns war und ist und sein wird: Antworten auf Eindrücke von Gewesenem, Seiendem und Kommendem.  Am reichsten sind die Träume als Antworten auf Eindrücke nicht nur aus der sogenannten Realität, der realisierten, realen und in der Realität manifest werdenden, sondern auch aus der konjunktivischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einer alternativen, auch möglichen, auch wirkenden, auch erscheinungsmanifesten Welt – auch wenn sie ‚nur‘ im Konjunktivischen, im Verborgenen bleibt, aber dennoch zum Erfahrungsschatz beiträgt.

Gedichte sind sprachlich verfestigte Ausflüsse solcher Antworten, die aus dem Unbewussten ins Bewusste gelangt sind, aber dabei das Geheimnis ihrer Erscheinungsformen als Träume bewahrt haben. Das ist zum Beispiel möglich in Versenkungen, Wachträumen und Visionen, aber auch in Erinnerungen an Träume im Schlaf, die nicht platt gedeutet, sondern in Empfindungen umgesetzt werden. Daher kommt wohl die Empfindlichkeit des Lyrik hervorbringenden Menschen und bedarf die Lyrik der Empfindsamkeit des sie lesenden oder hörenden Gegenübers.

Eine Gruppe der lyrischen Ausdrucksformen sind Ironie, Paradoxie und Satire. Sie werden oft als ‚nur‘ kabarettistisch oder gar als platt abgetan und nicht als lyrische Ausdrucksmittel zugelassen oder akzeptiert. Sie sind aber eben dadurch gekennzeichnet, dass sie nicht bloße Abbilder der Realität sind und auch nicht nur unreflektierte (also im Wortsinn ‚nicht einmal gespiegelte‘) Reaktionen auf  reale, unhinterfragte und plump wiedergegebene Erlebnisse sind. Gerade aber die Qualität des Verneinens von platter Gültigkeit, der Infragestellung des Augenscheins, der Erschütterung von Feststehendem macht sie zu ebenbürtigen Partnern anderer lyrischer Ausdrucksformen.

Stammtischparolen sind davon das genaue Gegenteil. Das heißt erstens nicht, dass alles, was an Stammtischen gesprochen wird, als Stammtischparole abgetan werden kann, ach bewahre. Zweitens heißt das nicht, dass Stammtischparolen als solche gekennzeichnet nicht gerade durch die Denunzierung satirisch gespiegelt zum lyrischen Mittel werden können.

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