Sprachverwirrung

Gespeichert unter: Allgemein, Neue Maier-Lyrik — 21. Oktober 2008 @ 22:45

Eine ungefährliche Schere.
Sie schneidet ja nicht.
Wie soll sie?
Ihre Schneiden gehen
immer weiter auseinander.
Die Schere, sagt man,
geht immer weiter
auseinander.
Die zwischen arm
und reich.
Eine gefährliche Schere.

20 Kommentare »

  1. syntaxia:

    Lieber Helmut,

    gerade das scheinbar “ungefährliche” sollte uns immer zu denken geben. Eine Schere bleibt eine Schere und damit ein Werkzeug zum trennen!!

    ..grüßt Monika

  2. Helmut:

    Da hast Du ja geradezu das Ei des Kolumbus gefunden, was die Beseitigung der Verwirrung angeht, liebe Monika. Leider trennt die Schere trotzdem immer mehr arm und reich. Was wir dagegen tun könnten? Ist da nicht mehr Sozialismus angesagt?

    Liebe Grüße
    Helmut

  3. quersatzein:

    Die Sprache kann die gesellschaftlichen Missstände mit dem Bild der Schere nur unzureichend erfassen, vielleicht wäre das Bild vom Graben, der immer breiter wird, zutreffender.
    Aber irgendwie habe ich den Eindruck, dass man eh kein treffendes Sprachbild zustande bringt, weil einem im momentanen Strudel des Geschehens ganz einfach die Sprache wegbleibt…

    Mit liebem Gruss
    Brigitte

  4. Helmut:

    Du hast wirklich Recht, liebe Brigitte. Bloß: Gerade denen, die mit Sprache umzugehen wissen, dürfte sie schon gar nicht ausgehen.
    Schön, dass Du mein Dilemma beim Verfassen des Textes so auf den Punkt gebracht hast.

    Liebe Grüße
    Helmut

  5. Petros:

    …und da geht sie immer weiter auseinander die Schere und da schneidet sie so bitter in das Fleisch.

    Wie Oel ist Sprache
    Auf Wassers Lache
    Regenbogenbunt
    Im Sinn jedoch Schund

    Und der Scherenschleifer
    schaerft nicht mehr das Wort
    Sammelt ein den Geifer
    Doppelsinns Lebens-Hort:

    Ver/Sprechen ist ver/sprochen

    Sollte der Streik morgen die Flughaefen auf Kreta nicht erfassen, bin ich in Kuerze wieder in D.

    Gruss
    Petros

  6. Helmut:

    “…und da geht sie immer weiter auseinander die Schere und da schneidet sie so bitter in das Fleisch.”

    Herrlich möchte ich Dein Paradoxon nennen, lieber Petros; wäre sein Inhalt nicht so bitter (”Herr”lich im Sinne der Herren dieser Welt ist es ja doch).

    Ich freue mich auf den baldigen weiteren aktuellen Austausch mit Dir wieder. Ich hoffe, Du bringst ganz viele Anregungen mit von Deiner Kreta.

    Dein Kommentargedicht ist großartig, aber eben auch notwendigerweise von der bitteren Sorte.

    Ganz liebe Grüße
    Helmut

  7. giocanda:

    Lieber Helmut,
    Du sagst:

    … Ist da nicht mehr Sozialismus angesagt? …

    Ich würde lieber sagen - Humanismus

    Liebe Grüße
    Barbara

    Ich höre und schaue dem politischen Geschehen sprachlos zu - auch entsetzt. Was für ein schreckliches Beispiel für unsere Enkel.

    Liebe Grüße
    Barbara

  8. Helmut:

    Hallo Barbara,

    Schön, wieder von Dir zu hören. Meine Meinung als Antwort auf Deine Aussage/Frage “Ich würde lieber sagen - Humanismus” als Versuch in aphoristischer Form:

    Sozialismus ist die Verwirklichung des Humanismus mit Hilfe des Staates

    Liebe Grüße
    Helmut

  9. kathrin:

    das ist geradezu genial!
    sehr gelungen finde ich das - und leider so wahr.

    lg,
    kathrin

  10. Helmut:

    Liebe Kathrin,

    Schön, wieder mal von Dir zu hören - und das zu einem (wie ich selber empfinde) sperrigen Text. Es freut mich, wenn Du ihn geradezu genial findest. Dieser Eindruck kommt vielleicht von der jeweils gegensätzlichen Anfangs- und Schlußzeile des Texts. Wenn das(scheinbare)Paradoxon hilft den gesellschaftskritischen Inhalt rüberzubringen, soll mir das recht sein.

    Vielen Dank und liebe Grüße
    Helmut

  11. ELsa:

    Lieber Helmut,

    Ein Gedicht, das mir die Haut aufschneidet. Es macht nun wirklich sprachlos, alles mitanzusehen (im Eigenen und im Großen). Allerdings malte ich mich das schauerliche Ergebnis schon vor vielen, vielen Jahren aus. Denn die Rechnung (Milchmädchen, das ich bin) ging damals bereits nicht mehr auf für mich.

    Liebe Grüße
    ELsa

  12. Helmut:

    Liebe Elsa,

    Deine Reaktion macht mich betroffen, obwohl ich natürlich nichts für die Ursachen kann, die zu ihr geführt haben.(Ich war ja nur der Stichwortgeber). Und doch bräuchte die Welt mehr solche Prophetinnen wie Du es bist/warst.

    Liebe Grüße
    Helmut

  13. giocanda:

    … Sozialismus ist die Verwirklichung des Humanismus mit Hilfe des Staates … ???

    Bis jetzt ist es Utopie. Alle Versuche sind doch nach einiger Zeit gescheitert.

    Meinst du, die Menschen schaffen es einmal in diese Richtung zu gehen?

  14. Helmut:

    “diese Richtung” - hieße das Staatskapitalismus, noch dazu verbunden mit einer Diktatur (nicht des Proletariats, was ja eigentlich Demokratie bedeuten würde, sondern) einer sich sozialistisch nennenden Partei?
    Dann stimme ich Dir (mindestens, was Europa angeht) vollinhaltlich zu, dass das gescheitert ist.
    Aber ist nicht der Kapitalismus, der nicht mindestens soziale Komponenten hat (also eigentlich dem Sozialismus verpflichtet ist), auch dabei zu scheitern?

    Vielen Dank für die Nachfrage, liebe Barbara, und liebe Grüße
    Helmut

  15. ELsa:

    Lieber Helmut,

    Es war doch klar, dass es zu dieser “Apokalypse” kommen musste. Spätestens als Menschen durch Maschinen ersetzt wurden. Da ging es los. Und weiter, als der Sozialismus durch “Banker-Politiker” vertreten wurden. Es war einfach zu erkennen. Man könnte die Liste fortsetzen, aber ich tu das nicht.

    Ich denke, prophetisch, wie du es nennst, waren viele, aber wer hört denn auf uns? Ein Abwinken, ein müdes Lächeln erntet man, denn die hohen Herren sind ja viel klüger als wir.

    Du, ich, wir alle können nichts dafür, aber auch nichts dagegen, so ist das nun mal. Dein Gedicht zeigt das ganz wunderbar.

    Herzliche Grüße
    ELsa

  16. Helmut:

    Dein letzter Satz beschämt mich, fordert mich aber auch noch einmal heraus, liebe Elsa: Dass mein Gedicht zeige (und auch noch wunderbar), dass wir alle nichts gegen die “Apokalypse” tun könnten, das will ich nicht wahr haben.
    Vielleicht ist es ja tatsächlich so. Dann können wir ja auch stumm bleiben. Und tatsächlich haben die vielen Prophetinnen und Propheten, die im Laufe der Geschichte Missstände angeprangert haben, oft ins anscheinend Leere hinein gesprochen. Aber haben sie das wirklich?
    Ich glaube daran, dass keine Energie verschwendet ist, die sich für das Richtige eingesetzt hat. Und die vielen Energien von vielen können vielleicht doch irgendwann etwas bewirken. In dieser Hoffnung möchte ich weiterdenken und (wenn es mir gelingt) weiter schreiben.

    Ganz liebe Grüße
    Helmut

  17. ELsa:

    Lieber Helmut,

    Natürlich müssen wir weiter darüber schreiben und es hinaus schreien. Wir können doch gar nicht anders, hm?

    Lass dich nicht entmutigen von mir, ja?

    Sehr liebe Grüße,
    ELsa

  18. Helmut:

    “Lass dich nicht entmutigen von mir, ja?”
    Oh nein, so habe ich das von Dir nicht verstanden, dass Du mich von so was abhalten wolltest, liebe Elsa. Eher wollte ich uns SchreiberInnen insgesamt mehr Mut dazu machen.

    Aber wir können ja wirklich nicht anders!

    Liebe Grüße
    Helmut

  19. giocanda:

    zum 14. Eintrag

    Die Worte sind ihrer Wahrheit beraubt
    ob sozial hier
    oder christlich dort.
    Ich weiß, was Du meinst.
    Man wünscht,dass sich alles in Luft auflöst, man reinen Tisch machen könnte - von vorne anfangen.
    Ich sah es voraus und nicht nur ich - viele - Elsa schreibt genau so.
    Nur, hast Du ein Rezept? Stillhalten geht fast nicht mehr. Nur wie sich bewegen?

  20. Helmut:

    Liebe Barbara,

    Vielen Dank für Deine erweiterte Nachfrage. Im Augenblick nur einen Link zum Weiterfantasieren:

    http://de.youtube.com/watch?v=PG-7J-k49eM

    Später mehr -

    und jetzt mit lieben Grüßen
    Helmut

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