Versuch einer (teilweisen) Selbstrezension

Gespeichert unter: Theorie der Lyrik — 29. November 2014 @ 17:48

Im Kommentar zu dem Beitrag “Spätherbst”* hat mir Monika Meise eine schwierige Aufgabe zum Text gestellt - mit der Frage: Was bedeutet (hier) “hexenmäßig”? Ich habe darauf folgendermaßen geantwortet:

Ich meine, manches ergibt sich aus dem Text:

Zerzupft ist die Hexenmütze, keck lugt sie hervor - und das hinter dem
Pfarrhausdach, gewärtig des hässlichen Erbes der Kirche(n), das den
Begriff “Hexe” herabgewürdigt hat von der Heilerin zur schädlichen
Verräterin und Verführerin(so wie die Herrschenden heute noch mit
Mahner_innen und Kritiker_innen umgehen). Dabei ist das hexenmäßig
stupfelige Gestrüpp der Baumkrone dasjenige, das die Hoffnung auf das
neue Grün im Frühling auch noch in dieser immer kälter werdenden
(Jahres)zeit sichtbarlich aufrechterhält, obwohl das dann womöglich als
keck gilt. Ja, also genügt das? Ich hoffe doch.

Sei herzlich gegrüßt
(und habe Dank für die Nachfrage, die mir manches von dem bewusst gemacht hat, was wohl unbewusst in den Text eingeflossen ist).

* Hier der Text, um den es oben ging:

Spätherbst**

Ginkgo im gelben Festtagskleid.
Drüber nacktes Geäst am Himmel.
Hinter dem Pfarrhausdach lugt keck was hervor:

Zerzupfter Zipfelmütze gleich
hexenmäßig das Dauergrün.

**ein Janka

In Verbundenheit
Helmut

4 Kommentare »

  1. syntaxia:

    Lieber Helmut,

    ich danke dir für deine Antwort. Ja, da ist doch oft mehr dahinter, wenn wir etwas schreiben. Manchmal nur unbewusst. Dein Janka trägt mit diesem Hintergrund nochmals zum Nachsinnen an. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass du ein solches Wort “nur” schreibst.
    An den Frühling hatte ich nicht gedacht, weil du vom Dauergrün (ohne Baumkrone)schreibst. Ich befand mich gedanklich dann bei den Dingen, die überdauern und das Gegengewicht zum Flüchtigen sein können.

    Lieber Helmut, ich mag es, so in Zeilen einzutauchen, und fein ist es, nun noch mehr von deinen Gedanken dazu gelesen zu haben!

    Mit herzlichen dankbaren Grüßen,
    Monika

  2. Anna-Lena:

    Auch ich hatte beim Wort hexenmäßig erst eine andere Vorstellung. So macht es wirklich Sinn.
    Mein Ginkobäumchen hat nun auch seine letzten gelben Blätter verloren und steht nackt und frierend dem Ostwind ausgesetzt.

    Liebe Grüße und einen schönen Adventssonntag,
    Anna-Lena

  3. veredit:

    Ich gebe es gern und unumwunden zu, den Janka mochte ich eh schon, jetzt noch umso lieber.

    sei ganz lieb gegrüßt von
    isabella

  4. Helmut:

    Monika, Anna-Lena und Isabella,

    Habt ganz herzlichen Dank für Eure Freundlichkeit und für Euer Hineintauchen in den Text. Mir fällt erst jetzt auf, dass die Feier des Immergrünen beim Weihnachtslied (Lied zur Wintersonnenwende?) ‘Oh Tannenbaum’ - und eben beim Weihnachtsbaum - die versöhnliche Feier der immer wiederkehrenden Fruchtbarkeit der Natur bedeutet.

    Liebe Grüße
    Helmut

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag. TrackBack URI

Einen Kommentar schreiben

Zeilen- und Absatzumbrüche werden automatisch eingefügt. Ihre E-Mail wird nicht angezeigt. Erlaubtes HTML: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>