Die Texte, die in Rosens Lyrik-Salon von mir vorgetragen worden sind

Gespeichert unter: Allgemein — 24. Februar 2017 @ 15:13

Alles Käse?

Wenn ich melke aus dem,
was hinter den Dingen liegt,
wie fasse ich diese Milch?
Sie zerrinnt mir
schon beim Erwachen,
schon wenn ich nüchtern
wieder geworden,
schon wenn ich in der Hand
die Dinge selber wieder fühle.
Dann zerrinnt sie mir
zwischen den tastenden Fingern.

Oder ich trinke sie
und versinke in der anderen Welt
und finde mich nimmer.

Am Käse nehme ich mir
endlich ein Beispiel.
Statt zu zerrinnen,
gerinnen in Festes
soll mir die heilige Milch.
Und wenn schon
aus Saurem geronnen,
so soll’s doch kein Quark sein.

Also in Form gebracht
reife der FORMATICUS,
der formaggio
der fromage
meiner Eingebungen
zum Gedicht

und sei eine köstliche Speise.

Lichtmess

Das letzte Warten hat begonnen.
Den Atem eines Neuen spür’ ich schon.
Er schlüpft in alle Poren,
begeistert Haut und Haare,
erwärmt das Innerste,
lässt neue Träume keimen
und neue Verse,
die das Licht schon spüren,
das sich in aller Heimlichkeit
ins Tagewerk einschleicht
und plötzlich strahlend scheint,
als wäre immer es gewesen.

Das letzte Warten,
das ist eins des Hoffens
auf ganz gewiss Erwartetes,
auf Schlüsselblumen, Lämmerhüpfen,
auf Maienduft, auf grünend
stetes Wachsen, auf Kraft
des Aufstehns und Inangriffnehmens.

Und letztes Warten ist es nur
im Wissen um ein Wiederkehrendes,
das keinen Leerlauf meint,
kein Hecheln hinter unerfüllter
und hemmend hinkend machender
und träge Dämmerung befördernder
Anford’rung her.
Befreit gebunden an das Leben,
ganz ungebunden an den Todeswillen,
geborgen in dem Glauben an
die glaubenlose Zuversicht
des sprühend in das Morgen Tanzens
im heutigen Genuss
des Kreisedrehens
und des Kreischens.

So lasst ein Lichtlein uns entzünden
und leuchten in die starren Räume.
So lasst uns ruhen in dem Dunkel,
dem immer neu das Licht
den Platz einräumt,
um neue Kraft zu schöpfen.
So lasst das Leben uns erneuen.


Frieden? (Impression in Cornwall)

Plötzlich wagt sich
das Rotkehlchen
in die Stube herein,
hüpft auf den Fernsehschrank,
verkündet den Frieden
des Artus,
flattert irritiert durch den Raum
und entflieht.
Da,
um zu versinken
ein Blau
zwischen des Plinius
Pinien
über den viktorianischen Dächern
von Fowey.

Der Wind treibt die Fähre
schneller zum Fußpfad.
Und schon
sammeln die Wolken
das Sonnengold
von den Wiesen der Klippen
und segeln dahin.
Kein Stäubchen trübt mehr
die Sterne.
Spüre ich da Avalon?

Herbst und Winter

Herbst und Winter.
Reife, Tod und ew’ger Kreis.
Voller Geheimnis.


Spaziergangzeit

Blüten die Fülle.
Gelb und weiß und violett.
Spaziergangwetter.

Zwischendurch

Die Wolkendecke.
Blauflächig aufgerissen.
Kein Regen in Sicht.

Ein Achtundzwanziger – so nenne ich die folgenden kleinen Texte - ist ein Dreizeiler wie ein Haiku oder ein Senryu. Er hat aber nicht nur siebzehn Silben wie diese japanische Gedichtform, sondern achtundzwanzig Silben, was mehr Freiheit der Gestaltung zulässt. Das Schema ist dabei nicht wie beim Haiku 5 - 7 - 5 Silben, sondern 8 - 9 - 11 Silben. Der Achtundzwanziger ist auch nicht inhaltlich festgelegt auf Natur (wie der Haiku) oder auf Persönliches (wie der Senryu). Das lässt vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten zu, ohne auf die Festlegung auf Silbenlängen der Zeilen und so eine straffe Führung bei der Erstellung des Textes zu verzichten. Die Gedichtform des Achtundzwanzigers wurde von mir, Helmut Maier, entwickelt.

Es treibt*

Das Frühlingsgezweig der Bäume:
mehr und mehr wird es kecklich umtupft
mit einem Aquarell aus duftigem Grün.

*ein Achtundzwanziger

Frühjahrswunder*

Umrahmt von frischem Birkenflaum,
strukturbetont Geästegrafik.
Geheimnisvolle Schriftzeichenzauberei.


Das Lebensziel*

Unser Lebensweg ist das Ziel.
Oder machen wir Karriere,
um schließlich ein Ziel zu erreichen: den Tod?

*ein Achtundzwanziger

Situationsbedingt*

Draußen vor der Apotheke.
Bepackt voller Arzneischächtelchen.
Gegenüber vorher fühle ich mich krank.

*ein Achtundzwanziger


Glückwunsch

Wenn du einen Weg vor dir hast,
festen Schritt;
wenn du erschöpft bist,
die schöpferische Pause;
wenn du Schutz suchst,
das Schlupfloch der engen Pforte und
die runden Räume der Geborgenheit;
wenn dir’s zu eng wird,
die Weite des Feldes;
wenn dir der Überblick fehlt,
die Bergspitze und die klare Sicht;
wenn dir der Trubel zu groß wird,
ein paar Stunden alleine für dich;
wenn du dich einsam fühlst,
Menschen, die dich beglücken.
Das wünsche ich dir.


Was leider unter den Tisch fiel:

Alternative Fakten

Wir brauchen alternative Fakten.
Die Welt, wie sie ist,
ist nicht mehr
auszuhalten.
Politisch korrekt
ist das natürlich nicht.
Außer wir beschließen
die Umwertung aller Werte.

Dann ist Lüge Wahrheit.
Diktatur Demokratie,
Neoliberalismus Menschlichkeit,
die Nacht wird zum Tage,
der Tag hat achtundvierzig Stunden,
den Sommerschlussverkauf
gibt’s im Winter voraus,
Osterhasen werden
zu Weihnachten verkauft,
Krankheit wird
zur Gesundheit proklamiert.

Mir schwindelt.
Ich taumle.
Wo ist der Anfang,
wo ist das Ende?

Soll ich mich anpassen
an die rechten Populisten,
die den Mehrheitswillen
prognostizieren
als ihren Willen?
Die darin sehen
den Wert der Demokratie,
dass er sich durchsetzen lässt?
Die uns erlauben
politisch unkorrekt zu sein:
Ruhig rassistisch
dürfen wir uns gebärden,
illiberal,
inhuman
auf den eigenen Vorteil
allein bedacht,
unduldsam,
wenn etwas sich
unserem Ego entgegenstellt,
warum sollten wir
Gendergerechtigkeit üben?

Bio ist doch nur etwas
für die abgehobene Elite,
multikulturelle und pluralistische
Lebensart für die Wohlhabenden
auf ihren bequemen Sofas.

Völkischer Dominanz sich anschließen
heißt die Devise.
Das lehrt der Blick herab
vom treuen deutschen First.
Und morgen gehört uns Europa

und übermorgen …?

16 Kommentare »

  1. Rachel:

    Schade um *Alternative Fakten*, dass dies nicht mehr *dran* kam, ich mag es sehr. Aber die, die du vorgetragen hast - alle Achtung, von allem, was du großartig kannst etwas!!!!!

    Ach, weißt du was, das nächste Mal beginnst du mit dem Politischen und dann Querbeet, lächel…
    Egal, alles war bestens!!!! Ich finde es total toll, lieber Helmut..

    Alles Liebe
    Edith

  2. Helmut:

    Ich bin Dir so dankbar für diese Rückmeldung, liebe Edith! Das tut gut. Nochmal: Herzlichen Dank.

    Ganz liebe Grüße
    Helmut

  3. Ganz Nill:

    Schade lieber Helmut ,
    dass ich an diesen schönen Abend nicht Zuhörerin
    sein konnte. Wunderbare Texte zum Träumen und
    zum Wachrütteln.

    Dankeschön
    Alles Liebe Gaby

  4. Helmut:

    Das Dankeschön kann ich einfach wiederholen. Deine Begeisterung, liebe Gaby, ist so liebenswürdig. Ich freue mich sehr.

    Einen herzlichen Gruß
    Helmut

  5. Anna-Lena:

    Was für ein gedeckter literarischer Tisch, lieber Helmut, so reichhaltig und unterschiedlich, mit einer gewaltigen Symbolkraft.

    Herzlichen Dank für die “Gebrauchsanleitung zum 28er. Ich denke, ich werde mich da auch mal versuchen.

    Liebe Grüße
    Anna-Lena

  6. Quer:

    Schön, dieser Maier’sche Querschnitt durchs literarische Schaffen.
    Ich lasse heute vor allem die Spaziergangzeit und den Glückwunsch auf mich wirken.
    Danke und lieben Gruss,
    Brigitte

  7. Helmut:

    Liebe Anna-Lena,

    Danke für den Zuspruch. Ich habe mir eigentlich genügend Mühe gemacht, einen angemessenen Querschnitt zu finden. Aber ich war wohl auch ein bisschen betriebsblind.

    Schön, dass Dich der Achtundzwanziger anspricht. Nur zu!

    Ganz liebe Grüße
    Helmut

  8. Helmut:

    Liebe Brigitte,

    Ich freue mich über Dein Interesse. Du kannst ja noch einmal zu dem Beitrag zurückkommen.

    Dankeschön und ganz liebe Grüße
    Helmut

  9. bmh:

    Ich hätte gerne zugehört :-)

  10. Helmut:

    Vielleicht klappt ja sowas irgendwann … ;-)

    Danke, liebe Barbara,
    und liebe Grüße
    Helmut

  11. Ina Kitroschat:

    Ihre Texte waren mir eine große Freude, Herr Maier. Ich habe Sie/sie [die Texte] sehr genossen. :-)

    Mit der Zeiteischätzung ging es mir sehr ähnlich wie Ihnen. Die Zeit verfliegt so schnell.

    Der Abend war sehr schön und bleibt mir in sehr guter Erinnerung.

    Es grüßt Sie Ihre jüngere Kollegin
    Ina Kitroschat

  12. Helmut:

    Hallo, liebe Ina Kitroschat!

    Ich glaube, der Duktus unserer Gedichte hat die beiden Teile unseres gemeinsamen Auftretens in Rosen’s Lyriksalon gut zusammenpassen lassen. Nachdem sich meine doch vorhandene Aufregung von meinem Auftritt her in der Pause gelegt hatte, konnte ich ganz entspannt Ihre Beiträge im zweiten Teil genießen. Schön, von Ihnen durch diesen Abend erfahren zu haben.

    Herzliche Grüße
    Helmut Maier

     -

  13. bruni8wortbehagen:

    Das ist ja toll, was ich hier lese, lieber Helmut.

    Einen wundervollen Querschnitt aus Deinen lyrischen Worten hast Du ausgesucht und ich muß Dir sagen, das Rotkehlchen, *FRIEDEN?*, hat es mir angetan.

    Trägst Du die eigenen Sachen gerne vor?
    Ich habe da so meine Problemchen damit, weil ich weiß, wie klein die echte Lyrikgemeinde im Grunde ist.

    Muß eine feine Sache gewesen sein.

    Liebe Grüße von Bruni und hätte diese Veranstaltung in meine Nähe stattgefunden, wäre ich da gewesen.

  14. Silbia:

    Gratulation! Es war bestimmt ein feiner Abend!
    Die Zeit gut einzuplanen gelingt gewiss nur denen , die öfters Lesungen halten.
    Hauptsache ist, dass du dich wohl gefühlt hast und “Deins” rübergebracht hast. Davon gehe ich nun aus (Und dass es bei den Zuhörenden ankam, das bezweifle ich schon gar nicht!) :-)

    Liebe Grüße,
    Silbia

  15. Helmut:

    Liebe Bruni,

    Danke schon mal für das feine Lob (”wundervoller Querschnitt”). Schön, dass Dir das Rotkehlchen-Gedicht so gut gefallen hat.

    Es war erst meine zweite öffentliche Lesung. Die erste war nach einem Gedichtwettbewerb der damaligen “Nationalbibliothek des deutschsprachigen Gedichtes” 2003, als einer von hundert Preisträgern für mein Gedicht (”ein bestens gelungenes Stück Poesie” - so der Vorsitzende der Jury, Dr. Klaus Pemsel in seiner Rezension) durfte ich es beim Lyrikfest in Basel am 29. November 2003 vorstellen. ;-)

    Danke nochmal und ganz herzliche Grüße
    Helmut

  16. Helmut:

    Ja, liebe Silbia, ich habe mich wohlgefühlt, vor allem ab der Pause, als mein Part beendet war und ich den Gedichten der zweiten Vortragenden ganz entspannt zuhören konnte. ;-)

    Ich danke Dir sehr für Deine liebe Antwort und grüße Dich herzlich.
    Helmut

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag. TrackBack URI

Einen Kommentar schreiben

Zeilen- und Absatzumbrüche werden automatisch eingefügt. Ihre E-Mail wird nicht angezeigt. Erlaubtes HTML: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>