Lyrisches von Helmut Maier

Monat: Januar 2007

Weiter, weiter

Matthias Planitzer hat folgendes Gedicht geschickt und stellt es den Besuchern zur Diskussion.

Das Gedicht heißt

Weiter, weiter

Fahre weiter, fahre weiter,
Schiffchen, Schiffchen, aus dem Sinn.
Mit dem Wind nur treibe weiter,
sollst vergessen, wer ich bin.

Lass mich hier die Stille finden,
die doch jung verloren ging.
Will nicht weiter, nur entschwinden
jenem Schleier, der mich umfing.

Nur mein Täubchen soll mich führen,
fliegen, fliegen weit vornweg.
Deinen Schutz möcht ich verspüren,
deine Schwingen seien mein Versteck.

Ach, so trag’ mich in die Ferne,
zeig’ mir, wo ich rasten kann.
Schenk mir Frieden, schenk mir Wärme,
setz’ mich dann nieder irgendwann.

Fliege weiter, fliege weiter,
Täubchen, Täubchen, aus dem Sinn.
Lass mich hier und ziehe weiter,
will vergessen, wer ich bin.

© Matthias Planitzer

Kommentare, die beleidigend sind, werden gelöscht. (HM)

Das Gedicht ist auch auf dem Blog des Autors zu finden:
https://philobiblog.pytalhost.com
(Anzuklicken im nebenstehenden Blogroll)

Die Klippen von Moher

Aphroditisch steigen Klippen aus dem Meer.
Schaumgeboren aus Atlantikwellen.
Um Möwenzinnen lagert Marinblau.
Eisengold in den Felsen glänzt so verlockend.
Grasbüschelweiden für Schafe
grünen über steinernem Elefantenrüssel.
Der säuft Vergessenswasser aus den Tiefen.
Schreiende Vögel umkreisen
Europas Unschuldsgesicht.

Geflochtenes

Hände aus Wildgräsern,
geflochten mit der Liebe
des Bewahrens,
mit Mustern geschmückt
des Begreifens,
im Begehren des Veränderns
gebraucht:
Körbe des Sammelns.

Heiße Steine,
im Feuer bewährt,
das Wasser der Weisheit zu erhitzen,
tragt ihr
und keinen Tropfen
des Wissens um das Wichtige
verliert ihr.

Die Göttin, die ihr war’t,
kalifornische Ahninnen
und europäische Urmütter,
als ihr die Intuition gebart,
gepriesen sei sie
mit allen Mündern
und Händen.

Auf den 2. Januar 2007

Recht kräftig doch behauptet sich
nicht erst seit heut’ das neue Jahr.
Zu stürzen braucht es
das alte nicht.
Bereits am zweiten Tag
hat es schon festen Stand.

Geschäftigkeit hat jede Straße
ganz neu erobert.
Jetzt gilt es wieder.
Auf, es kann nun werden.

Hat nicht die Sonnwend’ längst gezaubert
und kürzer uns die Nächte werden lassen?
Noch länger ist’s
seit Samhain’s Aufbruch in das Raue
mit einem Nachtmahl für die Andersgäste
aus dem Land des Änderns.
Und Weihnacht war. Geburt wurd’ da gefeiert
von neuem Heil, von neuem Werden.

Und nun ein neues Jahr.
So ganz von ungefähr,
da wandern meine Blicke
beim Gang durchs Dorf
auf alte Schwalbennester,
die da noch hängen vom vergangnen Sommer.

Sie sind bereit für neue Gäste.
Sie laden ein noch vor des Winters erstem Schnee,
den ja der Schwalben Flug
im vorhinein im letzten Jahr geflohen
in ihrer Weisheit sich das Leben
zu bewahren.

Frau Percht, die holde Holle,
sie kommt in diesem Winter spät.
Wir müssen aber ihrer Härte
gewiss gewärtig sein.
Wir müssen uns gedulden lernen, wenn
noch kalte Winternächte kommen
und ratlos wir dann tasten nur und suchen,
bevor wir endlich
Frühjahrs Milde ganz genießen.

Theorie der Lyrik

Zur lyrischen Einstimmung zuerst mal ein älteres Gedicht:

Etymologie

Goldgeäst des Vergehens.
Graugeäst der Erfahrung darunter.
Vielleicht bleibt die
im Wort
als Kristallstruktur
der Kommunikations-Tools
im Speicher der Völker.

Die reale Welt und die (bei den antiken Kelten geglaubte) Anderswelt lassen sich meiner Erfahrung nach mit Lyrik in Beziehung bringen und dadurch neue Welten erschaffen. Dies ist die Grundstimmung, aus der heraus meine Lyrik entsteht. Ich verstehe sogar Lyrik überhaupt so, dass sie nicht die reale Welt, auch nicht reale Gefühle, Stimmungen usw. einfach abbildet, ohne dass Beziehungen zu anderen Welten mitspielen. Damit hat Lyrik die Funktion, Alternativen aufzuweisen und (nach-)empfinden zu lassen und zu einer besseren Welt beizutragen.

Deshalb mag ich Vergleiche mit „wie“ nicht so sehr, wenn genausogut davon ausgegangen werden kann, dass Identifikationen in den verglichenen Bildern, Gegenständen, Situationen, Begebenheiten usw. auftreten (könnten). Wenn aber davon n i c h t ausgegangen werden kann, finde ich wie-Vergleiche meistens platt.

Außerdem mag ich Reime nicht so sehr, wenn sie den Eindruck vermitteln, dass das, was sich reimt, auch stimmt, ohne dass die empfundene Wahrheit durch die lyrische Empfindung abgedeckt ist.

Das heißt aber nicht, dass ich Form für eine untergeordnete Kategorie der Lyrik halte. Die Sprache muss einen passenden Rythmus haben und einer passenden Sprachebene angehören. Das alles hängt jeweils mit den Wesensmerkmalen der zur Deckung gebrachten „Realitäten“ zusammen.

Vorläufige Schlussbemerkung: Eine unerschöpfliche Quelle der Lyrik ist übrigens die im Eingangsgedicht apostrophierte Etymologie, also die Kunde von der Herkunft der Wörter. Wie viele verschiedene Ebenen der Realität, also wie viele Welten oft in einem Wort zusammenfließen, ist für mich immer wieder faszinierend.

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