Lyrisches von Helmut Maier

Monat: März 2007

Gastlyrik von Brigitte Fuchs

Die renommierte Autorin Brigitte Fuchs ( www.brigittefuchs.ch ) ist über www.fhoelder.de.ms auf mein Lyrik-Blog aufmerksam geworden und schickt zur Aufnahme in die ‚Gastlyrik‘ das nachstehende Gedicht ‚Ein Lied fast schon gesungen‘. Es ist ihrem 2002 bei der edition 8 in Zürich erschienenen Band „Solange ihr Knie wippt“ entnommen. Ich bin mir der großen Ehre durchaus bewusst und freue mich es hier präsentieren zu dürfen:

                    Ein Lied fast schon gesungen

 

Grundsätzlich lässt es sich arbeiten

in diesem poesieangefüllten Zimmer

mit Blick auf das Rasenviereck das

immergrüne die feuchtfröhlichen Stufen

zur Wäschespinne hinauf das Wort

auf der Zunge legt sich der Länge nach

wie ich es bette da ist ein Leben beinah

zur Hand da ist ein Lied fast schon

gesungen (denkst du) ach was da ist ein

Wort nichts als ein Wort und ein Gedicht

fast schon eine Notlüge meingott

 

Brigitte Fuchs

Fungesellschaft

Spaßvögel seh ich hüpfen
in wirren Sprüngen.
Vor nichts und niemandem
schrecken die Kreischenden je zurück.
Was schert sie’s?

Kein Ausscheren ist ihnen erlaubt.
Einem einheitlichen Scherzo
folgen die Tanzfiguren:
Gut ist, was Spaß macht.

Zerstreuung.
Ausbreitung auf den braunen Äckern
ohne Frucht.
Expansion ins Unfruchtbare,
weil die Bäuche zu leer sind.
Oder zu voll.

Lust wäre lustig.
Lust an sich herneigender
Anerkennung,
Lust an sich hinneigender
Zuneigung.

Lustbarkeiten als Rhythmus
der Abwechslung
führten in neue Antworten
und nicht in ein Koma.

Comedy Werbung

Lustige Werbung
für Alkopops.
Es gibt keinen Zusammenhang
zwischen Werbung und Konsum.
Spaß macht die Werbung
fürs Flatrate-Trinken.
Es gibt keinen Zusammenhang
zwischen Werbung und Konsum.
Lustiges Leben
mit Alkopops.
Es gibt keinen Zusammenhang
zwischen Werbung und Konsum.
Spaß macht das Leben
mit Flatrate-Saufen.
Es gibt keinen Zusammenhang
zwischen Werbung und Konsum.
Lustige Gesellschaftsspiele
am Rande des Todes.
Es gibt keinen Zusammenhang
zwischen Werbung und Konsum.
Spaß macht dem Tod
ins Gesicht zu sehen
des Opfers.
Es gibt keinen Zusammenhang
zwischen Werbung und Konsum.
Seien wir ehrlich!
Das Originalzitat,
vorgeführt in Monitor*,
hieß in Wirklichkeit:
Es gibt keinen Zusammenhang
zwischen Werbung und mehr Konsum.

Freie Werbung
für freie Wirtschaft.

*22.3.07

UNESCO-Welttag der Poesie bzw. Lyrik

Mi 21.03. 20:00 Poetische Zone – Welttag der Poesie 2007

Mit Christiana Avraamidou Zypern Elfriede Czurda Wien/Berlin Arjen Duinker Niederlande Christopher Edgar USA Bálint Harcos Ungarn Istvan Vörös Ungarn Moderation Knut Elstermann Journalist, Berlin

Gedichte sind Texte, die gehört werden wollen. Sie leben nicht allein auf dem Papier, in der Datei oder im Kopf des Lesers, sondern gleichermaßen in der Stimme des Autors, im Ohr des Hörers. Deshalb bekräftigt der Welttag der Poesie der UNESCO – im Jahr 2000 ins Leben gerufen – nicht allein den Stellenwert der Poesie und die Vielfalt des Kulturgutes Sprache, sondern ebenso die Bedeutung mündlicher Traditionen. Jährlich zum Welttag der Poesie versammelt die Literaturwerkstatt Berlin gemeinsam mit ihren Partnern Lyriker aus aller Welt. 2007 kommen sie aus fünf Ländern – Gelegenheit für eine Weltschau der Poesie.
Eine Gemeinschaftsveranstaltung der Literaturwerkstatt Berlin und der Stiftung πBrandenburger Tor™ mit der Akademie Schloss Solitude, dem Berliner Künstlerprogramm des DAAD, der Botschaft der Republik Zypern, der Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika, der Deutschen UNESCO-Kommission e.V., dem Kulturforum der Österreichischen Botschaft und dem Nederlands Literair Productie- en Vertalingenfonds, Amsterdam

Unter Schirmherrschaft der Deutschen UNESCO-Kommission e.V.

Weitere Hinweise zum UNESCO-Welttag:
https://www.unesco.org/poetry/bienvenue.php?initia=english

Zugang zur Lyrik vom Traum aus

Träume sind Antworten auf das, was um uns war und ist und sein wird: Antworten auf Eindrücke von Gewesenem, Seiendem und Kommendem.  Am reichsten sind die Träume als Antworten auf Eindrücke nicht nur aus der sogenannten Realität, der realisierten, realen und in der Realität manifest werdenden, sondern auch aus der konjunktivischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einer alternativen, auch möglichen, auch wirkenden, auch erscheinungsmanifesten Welt – auch wenn sie ‚nur‘ im Konjunktivischen, im Verborgenen bleibt, aber dennoch zum Erfahrungsschatz beiträgt.

Gedichte sind sprachlich verfestigte Ausflüsse solcher Antworten, die aus dem Unbewussten ins Bewusste gelangt sind, aber dabei das Geheimnis ihrer Erscheinungsformen als Träume bewahrt haben. Das ist zum Beispiel möglich in Versenkungen, Wachträumen und Visionen, aber auch in Erinnerungen an Träume im Schlaf, die nicht platt gedeutet, sondern in Empfindungen umgesetzt werden. Daher kommt wohl die Empfindlichkeit des Lyrik hervorbringenden Menschen und bedarf die Lyrik der Empfindsamkeit des sie lesenden oder hörenden Gegenübers.

Eine Gruppe der lyrischen Ausdrucksformen sind Ironie, Paradoxie und Satire. Sie werden oft als ‚nur‘ kabarettistisch oder gar als platt abgetan und nicht als lyrische Ausdrucksmittel zugelassen oder akzeptiert. Sie sind aber eben dadurch gekennzeichnet, dass sie nicht bloße Abbilder der Realität sind und auch nicht nur unreflektierte (also im Wortsinn ‚nicht einmal gespiegelte‘) Reaktionen auf  reale, unhinterfragte und plump wiedergegebene Erlebnisse sind. Gerade aber die Qualität des Verneinens von platter Gültigkeit, der Infragestellung des Augenscheins, der Erschütterung von Feststehendem macht sie zu ebenbürtigen Partnern anderer lyrischer Ausdrucksformen.

Stammtischparolen sind davon das genaue Gegenteil. Das heißt erstens nicht, dass alles, was an Stammtischen gesprochen wird, als Stammtischparole abgetan werden kann, ach bewahre. Zweitens heißt das nicht, dass Stammtischparolen als solche gekennzeichnet nicht gerade durch die Denunzierung satirisch gespiegelt zum lyrischen Mittel werden können.

Haiku-Quartett

Luftig liegt es sich
auf dem Rücken auf dem Ast
des alten Nussbaums.

Grüße schicke ich
hinauf die kahlen Zweige
in blauen Äther.

Unten sind ja doch
die politischen Klagen
nicht gerne gehört.

Die Klagen hab ich
weit ins Blaue geleitet.
Doch es umgibt uns.

Stammtischparolen

Überzogene Forderungen an Ferntouristen Verzicht zu üben
sind unliberal.
(Es gibt andere Möglichkeiten CO2 einzusparen)

Überzogene Investitionen in Kinderkrippenplätze
sind Verschwendung.
(Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut)

Überzogener Kündigungsschutz
ist arbeitsplatzfeindlich.
(Wer stellt noch Arbeitskräfte ein, wenn hire and fire nicht geht?)

Überzogene Forderungen nach Menschenrechten in Guantanamo
sind nicht zumutbar.
(Wie sollen wir uns sonst gegen den Terrorismus verteidigen?)

Überzogener Anstand ohne Möglichkeit zu beleidigen
ist so beschwerlich.
(Und ein offenes Visier ist doch ehrlicher)

Überzogene Kapitalismuskritik aber
gibt es nicht.
Kapitalismuskritik geht gar nicht.

Lob der Privatisierung

Öffentliche Sicherheit
ist begraben
in privatisierten Gefängnissen.
Arbeitsplatzsicherung dort
hat Vorrang vor Resozialisierung
der Kunden:
„Beehren Sie uns bald wieder!“

Private Pharmaforschung
rentiert sich besser,
wenn Mittel gegen die Folgen
des Übergewichts dann
an Reiche verkauft werden können.
Mittel gegen die Schlafkrankheit
vieler Armer in den Tropen
sind ein Verlustgeschäft.

Privates Jammern
über den regulierenden Staat
propagiert lieber den Markt,
auch wenn dieser das Wasser
den Meistbietenden offeriert
und nicht den Bedürftigen.

Ein Lob der Privatisierung!
Der Markt drückt im Zweifel
die stärkste Demokratie
an die Wand.

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