Lyrisches von Helmut Maier

Monat: April 2017

Kunst und Glück

Die Menschen, sie verzückt Musik.
Sie spüren Glück, wenn sie ertönt.
Doch wenn das Ohr, geöffnet für das Glück,
erschlafft, weil es an sie sich hat gewöhnt?

Der Dichter braucht den Klang der Worte:
erlauscht er ihn, kommt die Musik in seinen Sinn
und öffnet wieder jene Pforte,
die ihn hinführt zum Glücksgewinn.

Die Malerin verteilt der Farben Glanz
lässt sie den Reigen größter Freude tanzen
und die Musik erklingt im Ganzen,
allen steht vor den Augen nun des Glückes Tanz.

So hat ein jedes seine Gabe,
wie es das Glück bescheret seinen Lieben.
Und wenn ich solche Gabe habe,
kann ich nicht anders als sie üben!

Die angemessene Temperatur – ein philosophischer Mini-Essay

Außer bei der Bezeichnung für das Fieber braucht der Begriff „Temperatur“ eine nähere Bestimmung – zum Beispiel durch ein Adjektiv – um zu verdeutlichen, ob er für Kälte oder für Wärme steht: etwa „eisige Temperatur“ oder „sommerliche Temperatur“.

Schon Wärme und Kälte sind sehr abstrakte Begriffe. Was die eine als warm empfindet, kann für den anderen schon als kalt gelten. Allerdings geben sie als Polarisierungen schon deutliche Klarheit über den Charakter des Zustands, um den es sich handelt.

Temperatur dagegen – wie gesagt: außer bei der Bezeichnung fürs Fieber – ist so abstrakt, dass weder kalt noch warm als eindeutig gemeint damit bezeichnet werden kann. Das lässt einen ungeahnten Verzicht auf eine Festlegung zu. Der Begriff ist so neutral, dass ein tosendes Feuer und eine tödliche Erstarrung in eisiger Kälte beide darunter gefasst werden können.

Ist Temperatur nicht ein großartiges Beispiel dafür, wie weit die Wissenschaft davon entfernt ist, Polarisierungen zu fassen? Beziehungsweise lässt sie uns erahnen, wie unwissenschaftlich Polarisierungen sind. Die Frage, wie wir in unserem Denken der Wahrheit näher kommen können, ist neu gestellt: Ist gut und böse überhaupt noch eine Kategorie oder ist das Festhalten an einer derartigen Polarisierung nicht ein unwissenschaftliches, also letztlich nicht mehr vertretbares, in mythologischen Vorstellungen behaftetes Vorurteil?

Kann dagegen Wissenschaftlichkeit nicht uralte Überzeugungen, die unseren aktuellen Werten zugrunde liegen, nicht vorschnell auf den Kehrichthaufen der Geschichte werfen?

„Ich habe Temperatur.“ Diese Feststellung, rechtzeitig gemacht, bevor das Fieber weiter ansteigt und solange noch etwas dagegen unternommen werden kann, mag lebenrettend sein. Allerdings verzichten wir dabei auf das Abstraktum einer Temperatur, die nur in Wärmegraden noch einigermaßen gefasst werden kann.

Ostern

Gerade voraus
kopfüber in die Zeit
springe ich.

Ich lasse mich fallen
in die Sekundenflut,
in die Stundenflut,
in den Tagetaumel
und folge der blauen Spur
in frische Abenteuer des Seins,
das sich in neuem Seienden manifestiert.

Entrüstung durch Auferstehung
aus dem Verharren
in mangelndem Vertrauen
auf sensationelle Möglichkeiten.

Trotzige Weigerung, den Fehlschlägen
Recht zu geben,
in denen ich unterginge.

Hälingen

Das Sperlingspärchen turtelte im Birkenbaum.
Ich verhehle es nicht: nur die Bewegung
der Blätter und Zweige erlaubte es,
ihr Tummeln dauernd nachzuverfolgen.
Doch heimlich bleiben konnte es nicht.
Verborgen sichtbarlich,
aber verfolgbar auch im Geheimen.

Was ist offenbar,
was ist verhohlen?
Was ist bedeckt,
aber öffentlich?
Was ist geschützt,
was nur geduldet,
weil es rührt
in all seiner unschuldigen
Ungerührtheit?

Die Hel hat auch ein Reich
des Beschützens
über der Erde.

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