Lyrisches von Helmut Maier

Monat: September 2020

Wunder

Stehe ich nachts im Dunkel,
so dass ich grade noch vor mir die Birke habe
im Blick, sehe ich plötzlich
im Laub dort runde, gelbe Farbtupfer,
sehe dann
runde, gelbe Früchte.
Sie könnten mir munden.
Dann sehe ich
Goldgehänge zwischen den Zweigen.
Gold kann man nicht essen,
aber wertvoll ist es schon.

Farbtupfer, süße runde Früchte,
Goldgehänge oder doch wertvolle
Glasarbeiten, die mich ergötzen,
wenn ich sie sehe, gemacht
in handwerklicher Kunst,
oder auch sonstige Fantastereien
aus Künstlerhand?

Ein Wunder jedenfalls
meine ich zu sehen
zwischen den nächtlichen Zweigen,
wogend im Nachtwind
und ich vermag nicht
näherzutreten.

Am nächsten Tag
sehe ich in den Zweigen
hier mit Künstlerhand
des Zauberers Herbst gemacht
das gelbe Blätterwerk, hergezaubert
neben dem immer noch frischen Grün.
Und ich sehe auch am Tag:
Es ist ein Wunder
im Birkenbaum geschehen.

Der Herbst

Der Himmel zeigt sich schon so herbstlich,
dass ich mir meinen Optimismus
fast verkneifen könnte:
dass der Herbst so schlimm nicht wäre,
nicht so sehr sommerlich,
sondern vom Winter schon geprägt,
dem bitterkalten.

Doch ach, was soll‘s:
Ich will den neuen Wein genießen,
will mir die Herbst-Suppe
nicht vermiesen lassen,
will die Früchte all verspeisen,
will auf Durchfall pfeifen
und auf Magenblähen
und will …
und will …
und will …

Vögel

Die Vögel sammeln sich.
Sie üben wohl noch
seit ein paar Tagen.
Auf einem hochgewachsnen Baum
versammeln sie sich.

Mit Zwitschern
sprechen sie sich Mut zu,
zwitschern sie sich ab?

Es ist ein weiter Weg
nach Süden.

Dann schwingen sie sich wieder
ganz hoch in die Lüfte,
verdecken den Sonnenschein gar.
Sind’s Stare,
die zu hundert und mehr
den Himmel bevölkern?

Nur wenige Kraniche
in einer Linie
hintereinander
scheinen das Treiben
unbeeindruckt
zu durchqueren.

Unten auf der Erde
hör ich Hufgeklapper.
Autos gibt es hier
fast nicht
auf dem autofreien Langeoog.
Aber Fahrräder.
Tausendweise.


Spätsommer

Oben – am tiefblauen Himmel – der Mond.
Abnehmend, fast halb.
Grad fliegt ein Flugzeug vorbei.

Die Brüstung des Balkons:
auch blau gestrichen.
Aber was für ein Kontrast!

Unten die fast letzten Rosen.
Nur noch wenige Knospen
sind vielversprechend!

Die leeren Triebe ragen in den Himmel.
An den Herbstastern: die ersten roten Spitzen.
In der Birke zilpt
eine Blaumeise ihr einsames Lied.

Spätsommer-Idylle!

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