In der Narkose des Wegschauens

Gespeichert unter: Neue Maier-Lyrik — 10. März 2008 @ 15:01

In der Narkose des Wegschauens
verschwimmen die Strukturen
des Baumgeästs.
Ornamente gerinnen
zu Klumpen
monströsen Ekels
vor lauter Sonnenglanz
hinter den Augenlidern.

Recht und Unrecht
verlieren völlig
Konturen.

11 Kommentare »

  1. Petros:

    “Narkose des Wegschauens”… das klingt mir so ausgeliefert (so unmächtig und passiv). Aber Wegschauen ist für mich eine durch und durch aktive Handlung.

    LG
    Petros

    PS: Kann natürlich sein, dass ich das wieder missverstanden habe, wie bei deinen Gedichten leider schon mehrfach passiert. Sorry!

  2. Helmut Maier:

    Hallo Petros,

    Dein P.S. spricht ja nicht gerade für meinen diesmaligen Text und noch ein paar andere. Zu meiner Ehrenrettung kann ich vielleicht sagen, dass Deine zwei Aussagen sich nicht unbedingt widersprechen müssen(was aktiv und passiv angeht): Durch das Wegschauen versetzt man sich vielleicht selbst in eine Art Narkose, die passiv macht.

    Liebe Grüße jedenfalls
    Helmut

  3. Petros:

    Mein P.S. bezog sich nicht auf deine Gedichte, Helmut, sondern auf meine “Schnellschuss-Mentalität” und ich wollte meiner Unsicherheit, wieder daneben zu liegen, einfach ein wenig den Wind aus den Segeln nehmen.

    Gedichte schreiben und Gedichte lesen/interpretieren sind, so habe ich für mich erfahren müssen, zwei ganz verschiedene Paar Schuhe.

    Es grüßt ganz herzlich (und nicht “jedenfalls”)
    Petros

  4. quersatzein:

    Liebe Helmut

    Auch ich finde: Wegschauen ist eine sehr bewusste Entscheidung wie Hinsehen oder Weggehen. Deshalb ist “die Narkose des Wegschauens” auch mir unverständlich. (Unter Narkose verstehe ich ein Wegdämmern, das mit Sehen oder gar Schauen nichts zu tun hat.) Und auch der nachfolgende Satz, worin Ornamente vor lauter Sonnenglanz (!) zu Klumpen monströsen Ekels gerinnen, entbehrt meines Erachtens jeder Logik.

    Trotz der Einwände herzliche Grüsse,
    Brigitte

  5. Helmut Maier:

    Hallo Brigitte,

    Ich kann in Deinem Kommentar auch nichts entdecken, was mich zu einer Änderung des Textes veranlassen würde. Der bewusste Akt des Wegschauens führt meines Erachtens zu der Passivität von so etwas wie einer Narkose, dem Ausgeliefertsein an Halluzinationen und Alpträume. Da es bei dem ’so etwas wie’ um eine Addierung von alldem (und wohl noch mehr) handelt, darf nicht jede Einzelmetapher wörtlich genommen werden, sondern eher wie bei den Gleichnissen in der Bibel als etwas, was im Kern so gemeint ist.

    Jedenfalls trotzdem herzliche Grüße und vielen Dank fürs Überlegen
    Helmut

  6. Helmut Maier:

    Hallo Petros,

    Die “Schnellschuss-Mentalität” kenne ich von mir natürlich auch. (Und manchmal entgehe ich ihr nur, indem ich einfach schweige, was natürlich manchmal als Unhöflichkeit oder Interesselosigkeit ausgelegt werden könnte). Ob es sich bei dem vorliegenden Kommentar um eine solche handelt, muss offen bleiben, da ja auch Brigitte in Dein Horn gestoßen hat. Möglicherweise kennt Ihr allerdings das Phänomen des Wegschauens nicht so, wie ich es leider von mir kenne. Vielleicht sagt Euch ja deshalb der Text nicht das, was ich intendiert hatte.

    Liebe Grüße
    Helmut

  7. Traveller:

    Hallo Helmut,

    für mich ist die “Narkose” ganz klar eine “Selbstnarkose”. Man erblickt etwas, dass einen in der eigenen Ruhe, Selbstsicherheit stören würde und schaut weg. Betäubt die Gedanken, narkotisiert vielleicht auch das Gewissen.

    Baumgeäst, Ornamente - das ist etwas detailliertes, aber das will man nicht sehen. Eher soll alles zum Sumpf von Vorurteilen passen.

    Der Sonnenglanz hinter den Lidern ist für mich die Selbsteinschätzung. Man hält sich für glänzend, für überragend in seiner Meinung.

    Und durch dieses Verhalten kann man Recht und Unrecht nicht mehr auseinander halten.

    So jedenfalls meine bescheidene Interpretation.

    Liebe Grüße
    Uta

  8. Helmut Maier:

    Hallo, liebe Uta,

    Da bin ich aber glücklich, dass man (also mindestens Du) mit meinem Text was anfangen kann(st). Ich muss allerdings gestehen, dass ich selber so eine schlüssige Interpretation nicht zustande gebracht hätte wie Du, weil es beim Schreiben manchmal nur intuitiv zugeht.
    Vielen Dank und liebe Grüße
    Helmut

  9. blogpoesie.de »:

    [...] . . Süchtig nach Betäubung Des Äthers Berauschen Einschläfernd - Augen, Ohren, Nase, Mund Denken Wie Fühlen Nach innen Entpflichtet Vom außen Vereist bis zur Starre Komatischer Unempfindlichkeit . Gehen vorüber Gehen einfach vorüber . Und halten hoch Die Spendenbescheinigung - Nennen sich Samariter . Angeregt wurde ich zu diesen Zeilen durch ein Gedicht von Helmut Maier (und der späteren Diskussion dazu) mit dem Titel “In der Narkose des Wegschauens“ [...]

  10. parole:

    Lieber Helmut!

    Geschlossene Lider
    Blick nach Innen
    weggeschaut
    erstarrt
    traumähnliche
    angstvolle
    Erfahrung des Dunklen
    vor dem Licht
    Verlust aller
    Werturteile

    so verstehe ich Deine Zeilen. Sie umschreiben für mich sehr tiefgehend viele Berichte über Erfahrungen in unseren Traumgruppen.

    Lieben Gruß
    Curt

  11. Helmut Maier:

    Hallo Curt,

    sehr poetisch Deine Zeilen und offenbar auch die (so verstehe ich es) Traumübungen - verlockend und angstmachend zugleich.

    Liebe Grüße
    Helmut

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