Lyrisches von Helmut Maier

Kategorie: Neue Maier-Lyrik (Seite 1 von 162)

Der Bär spricht


Wenn ich mal sterbe,
will ich als Bär sterben,
will alle Kraft in Kraftvolles stecken,
will dann aber loslassen dürfen,
das Los annehmen zu verschwinden,
ohne mich zu verlieren.

Ich will der Bär sein,
der einfach da ist,
auch wenn die Gesellschaft
ihn misstrauisch betrachtet
und will aber dieses Misstrauen
besänftigen – und wenn möglich
die Freundschaft mit der
Gesellschaft aufgebaut wissen.

Ich will die Donau entlang
fahren und Donau sein,
ganz bärig mich diesem Fluss
hingeben in das große Revier
der Völker und Nationen.

Ach, streut meine Asche
in Neckar und Donau,
damit sie in beide Meere
hintreibe, in beide Richtungen
der Wasserscheide,
und freut euch
über meinen Tod
mehr als dass ihr weint,
weil ich ja ankomme im Meer.

Und bis es so weit ist,
will ich als Bär nicht in der Hängematte
liegen, selbst wenn ich wenig aus
dem Haus komme.
Ich will aber „Ent-bärung“
nicht leiden.

Tulpen

Der Blickpunkt

Die Tulpen beherrschen den Platz.
Noch tun sie es; doch in einer Nacht
können ihre Blütenblätter schon fallen.

*ein Achtundzwanziger

Das Leben

Der Baum,
uralt steht er da,
uralt.

Der Fluss,
jede Sekunde neu.
Je schneller seine Wasser fließen.
Aber uralt.

Der Wald,
wie viele Bäume!
Uralt,
wenn nicht der Mensch ihn tötet,
die Bäume fällt,
das Feuer in ihm ausbrechen lässt.
Aber da, wo das nicht geschieht:
Uralt dastehend
wie der einzelne Baum.

Das Wasser,
ohne es kein Leben.
Uralt wie das Leben
der Menschen
und Tiere
und Pflanzen.

Wie gehen wir um mit dem Leben?

Noch ist das Leben live.



In Nachbars Garten

Kopfunter,
den Stamm hinab,
läuft der Kleiber,
pickt immer wieder,
wohl weil‘s was zu fressen gibt,
dreht wieder um, läuft hinauf.

Flankiert wird der Hauptstamm
von eben so kahlen
Stämmchen mit Ästen,
ganz kahl alle,
soweit ich sie sehe:
Runen, Hieroglyphen
vom Winter her,
ein ganzes Gewirr,
so sehe ich‘s.

Doch lege ich mein Gesicht
wieder tiefer,
aufs Kissen,
so explodiert
darüber,
jetzt im April,
das völlige Grün,
ein Gewirr von Zweigen
und Ästen und Ästchen,
alle bedeckt vom Grün.

Und dorthin verschwindet,
ungesehen schon,
der Kleiber
und fliegt dann doch weg.

Aber ich weiß:
er kommt wieder,
mich zu erfreuen.

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