Lyrisches von Helmut Maier

Monat: Februar 2007

Adornos Sicht

Gerade habe ich das folgende Zitat Adornos gefunden und mich in meinen Gedanken aus „Theorie der Lyrik“ sehr bestätigt gefunden:

„Sie empfinden die Lyrik als ein der Gesellschaft Entgegengesetztes, Individuelles. Ihr Affekt hält daran fest, daß es so bleiben soll, daß der lyrische Ausdruck, gegenständlicher Schwere entronnen, das Bild eines Lebens beschwöre, das frei sei vom Zwang der herrschenden Praxis, der Nützlichkeit, vom Druck der sturen Selbsterhaltung. Diese Forderung an die Lyrik jedoch, die des jungfräulichen Wortes, ist in sich selbst gesellschaftlich. Sie impliziert den Protest gegen einen gesellschaftlichen Zustand, den jeder Einzelne als sich feindlich, fremd, kalt, bedrückend erfährt, und negativ prägt der Zustand dem Gebilde sich ein: je schwerer er lastet, desto unnachgiebiger widersteht ihm das Gebilde, indem es keinem Heteronomen sich beugt und sich gänzlich nach dem je eigenen Gesetz konstituiert. Sein Abstand vom bloßen Dasein wird zum Maß von dessen Falschem und Schlechtem. Im Protest dagegen spricht das Gedicht den Traum einer Welt aus, in der es anders wäre. Die Idiosynkrasie des lyrischen Geistes gegen die Übergewalt der Dinge ist eine Reaktionsform auf die Verdinglichung der Welt, der Herrschaft von Waren über Menschen, die seit Beginn der Neuzeit sich ausgebreitet, seit der industriellen Revolution zur herrschenden Gewalt des Lebens sich entfaltet hat.“ (S. 51f.)

Aus Theodor W. Adorno: Rede über Lyrik und Gesellschaft, in: ders.: Noten zur Literatur, hg. v. Rolf Tiedemann, Frankfurt/M. 1981, S. 49-68    –    zitiert nach https://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/lyrik/main.htm

Der Satz „Sein Abstand [also der des lyrischen Gebildes] vom bloßen Dasein wird zum Maß von dessen Falschem und Schlechtem.“ ist vielleicht etwas überpointiert, aber er ermöglicht den Einfluss des Anderswelt-Denkens und -Fühlens als Korrektiv.

Soweit ich Adorno begreife, ist mit seinem Zitat auch die Problematik von gesellschaftlich geforderter und im Wirkenwollen bei der Veränderung der Gesellschaft beanspruchter Authentizität angesprochen.

Leben

Es ist in mir
und außer mir:
lebendes Leben
und gelebtes,
wiedergebärendes
und wiedergeborenes,
abgeklärte Erfahrung
und jauchzendes Suchen.

Die Rose blüht
und verwelkt
und das Gänseblümchen,
versteckt im Strubbelgras.

Die Hagebutte
leuchtet und glänzt ja mehr noch
im Regenschauer.

Ein Gedicht wächst
in den Ganglien
und lässt sich dann hören.

Ich wäre sehr gespannt auf Kommentare. Zum Beispiel wüsste ich gerne, wie der Haiku (die 3. Strophe) sich einpasst. Helmut Maier

Programmierer

Programmierer
wäre ich so gern.
Ich würde mir die beste Software
programmieren
und keinen Error würd’ ich nun mehr
produzieren.
Nur mehr die Userin, der User
würde profitieren.
Und gar kein Multi und kein Medienstaat
würd’ mich noch länger
manipulieren.

Ach, liebe Programmierer,
vereinigt euch
und programmiert
nur noch von solchen Sachen
und weigert euch,
was anderes zu machen.

Programmiert doch endlich
den nicht mehr auszuspionierenden
Diskurs.
Programmiert
den jeweils neuesten Konsens,
der keinen in den Löchern
des Rechthabens noch sitzen lässt
und keinen im Verdruss,
dass er sich übers Ohr barbiert
doch fühlen muss.
Programmiert
den Friedenswillen,
der nicht scheinbar ganz humanitär
den Waffeneinsatz letztlich
zum Zugang zu Ressourcen
durchsetzen will.
Programmiert doch endlich
dergestalte Kleinwaffen-Kaliber,
die Menschen absichtlich verfehlen,
weil sie sie erkennen
als Weichziele,
die sehr verletzlich sind.
Ach, programmiert uns endlich doch
den Frieden.

Ach ja,
ich wär so gern
ein Programmierer dann.

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