Lyrisches von Helmut Maier

Tag: 14. November 2009

Kleine Reimkunde II

Der Schiller war halt Schwabe*,
das merkt man überall;
nicht groß war seine Habe,
hatte kein Pferd im Stall.
So glaube ich: Er hatte Schulden
und konnte wer sich nicht gedulden,
so hätte der’s ihm abgespannt.
So war das Brauch damals im Land.

Als Schwabe hat der Schiller auch,
wie’s noch bei meiner Oma Brauch
nicht ö und ü streng unterschieden
von ee und ii und so hinieden
der Schwaben Mundart (muss man sagen)
zur Klassik gradewegs getragen.

*Altwürttemberger jedenfalls (obwohl es damals kein Neuwürttemberg gab)

Man stelle sich bloß einmal vor, jemand würde Schiller heute so vortragen, wie meine Oma das gelesen hätte (siehe auch Kleine Reimkunde I), z.B. das heute so lesen: [wirde der fraoen]: Würde der Frauen – vorgestellt von Hermann Josef Schmitz.
Einige Verspaare daraus zum Beleg:

Und in der Grazie züchtigem Schleier
Nähren sie wachsam das ewige Feuer

Aber mit zauberisch fesselndem Blicke
Winken die Frauen den Flüchtling zurücke

In der Mutter bescheidener Hütte
Sind sie geblieben mit schamhafter Sitte

Nimmer ruht der Wünsche Streit,
………………….. (Nimmer, wie das Haupt der Hyder)
Ewig fällt und sich erneut.

Aber wie leise vom Zephyr erschüttert,
Schnell die äolische Harfe erzittert

In des Mannes verdüstertem Blick,
………………… (Klar und getreu in dem sanfteren Weibe)
………………….(Zeigt sich der Seele kristallene Scheibe,)
Wirft sie der ruhige Spiegel zurück.

Löschen die Zwietracht, die tobend entglüht,
…………………(Lehren die Kräfte, die feindlich sich hassen,)
…………………(Sich in der lieblichen Form zu umfassen,)
Und vereinen, was ewig sich flieht.

Hütet der Züchtigkeit köstliche Blüte,
Hütet im Busen des Weibes die Güte,

Aber in kindlich unschuldiger Hülle
Birgt sich der hohe, geläuterte Wille

Aus der bezauberten Einfalt der Züge
Leuchtet der Menschheit Vollendung und Wiege


Noch wenigstens ein Reimpaar/Verspaar zum Beleg von ö=ee (eh):

Mutig sprang er im Gewühle der Menschen,
Wie auf Gebirgen ein jugendlich Reh;
Himmel umflog er in schweifenden Wünschen,
Hoch wie die Adler in wolkigter Höh‘;

(diesmal aus „Eine Leichenphantasie“, vorgestellt hier: hier)

Kleine Reimkunde I

fürs Verstehen Schriftdeutsch sprechender Schwaben

Im Schwabenland, da reimt sich zwei
Nicht wirklich rein auch auf die Drei [dreii].
Es reimt sich aber auf den Mai.
Doch reimt’s gewiss sich nicht auf frei. [freii]

Sprach Oma* schriftdeutsch, war die Freude [fraide]
ein Reimwort auch für alle beide:
für „tu mir bitte nichts zu Leide“
und auch fürs schöne Sommerkleide.

Egal wie ausgesprochen: Freude, [fraide – oder: froide]
es reimte sich noch nie auf Leute. [leiide – oder: loiite]
Auch was ich gar nicht gerne leide [leiide],
das reimt sich nicht auf alle beide.

Was gibt’s denn da für ein Gejaule […jauule]
(das reimt sich nämlich auch auf Faule!)?
Doch spricht ein Schwabe von sei’m Fraule, [fraole]
Hat’s die Verkleinerungsform ja, genau: le.

So reimt sich eben grau und blau,
das wissen alle ganz genau.
Doch reimt sich das nicht auch auf schlau; [schlauu]
ein Reim d e r Sorte wäre rau. [rauu]

*wahrscheinlich noch genau so wie Schiller zu seiner Zeit

© 2020 Maier-Lyrik

Theme von Anders NorénHoch ↑