Lyrisches von Helmut Maier

Monat: Januar 2018 (Seite 1 von 2)

Begegnung mit dem Schicksal

Neulich bin ich dem Schicksal begegnet,
dem freundlichen, darf ich gestehen.
Ich hatte gerade die Behandlung beendet,
die eine Vorstufe des Krebses auf der Kopfhaut
erfolgreich abgetötet hatte. Der Arzt meinte,
glücklich sei er jedesmal, wenn es möglich sei,
zurückzudrehen im Stand zu sein die Zeit
(was für eine Metapher: zurückzudrehen die Zeit!)

Wie ich so auf dem Weg war zum Bus,
begegnete ich dem Schild, das die Metapher
so trefflich emporhob ins Metaphysische
durch seine Anspielung auf das glückliche Schicksal
(auch wenn es rein lustig war es zu sehen):
An einem Friseursalon hing das verheißende Schild
„C h i c s a a l“

Stoppt Stuttgart-irgendwann!

Murks, Pfusch und Mist
sind Schmeichelworte
für dieses tiefe Milliardengrab.
Makulatur, Ramsch, Plunder,
wen nimmt es überhaupt noch Wunder,
dass alle diese Worte nicht
annähernd sagen, was doch dieses Projekt
Stuttgart-malirgendwann
in unsren Augen ist.
Ein Unrat ist’s, aus purer
Gewinn- und Machtgier
ist’s entstanden, ist’s erhalten
geblieben in den Köpfen
dummer und überheblicher
nicht Volksvertreter, nein
ganz widerwärtig agierender
(ich sag es:) Volkszertreter,
die ihre Wähler frech belogen
und betrogen und
im Glauben ließen,
es handele sich um
(s’ist kaum zu glauben:)
ein Geschenk (für das sie dann
Milliarden zahlen sollten
und immer mehr Milliarden
und auf das sie noch warten müssen
wohl bis zum heiligen
Sankt-Nimmerleins-Tag,
wohl warten eben auf
ein Stuttgart 21 nicht,
nein nicht einmal
Stuttgart-malirgendwann).
Drum aufgestanden! Lasst es
euch nicht länger bieten!
Tut, was euch wirklich kluge Leute
rieten: Stoppt endlich Stuttgart-irgendwann.

Aphorismus 1/18

Der Verdacht scheint begründet, dass ausgerechnet diejenigen Politiker*innen, die ständig von der Notwendigkeit reden, mehr Verantwortung in der Welt übernehmen zu müssen, bereit sind sehr verantwortungslose Politik zu betreiben.

Aus dem Rahmen

Aus dem Rahmen gefallen
des Schlafes
und auf die weichen Kissen geplumpst
der Vorausschau,
was von den Zipperlein
des Alters
heute und wie behandelt zu werden
hat.

Ja, mehr steht an
und Zeit kostet’s
als gedacht.

Und alles will überlegt sein,
geplant und
bedacht.

Aber s’könnt schlimmer sein,
sagt mein Gefühl
und lacht.

Die Zeichen an den Wänden

Die Zeichen an den Wänden;
sie abzuzeichnen vertreibt,
was sich gegen Menschen wendet,
die sie nicht kennen.

Inseln des Rückzugs
im Innern der Erde,
die Höhlungen der Erinnerung
an gemeinsames Menschsein,
öffnen die Faust, die hasserfüllte.
Nie gegen Menschen sei sie erhoben!

Als ich schrieb, überkam mich der Geist
des Verständnisses fürs Anderssein.
Unwesentliche Unterschiede,
aufgeblasen zu Riesen,
lassen uns gar zu gerne
losgehen aufeinander.
Und wir vergessen,
was getan werden muss
in gemeinsamer Zuversicht.

Aber die Zeichen sind ewig,
Wörtern gleich,
die uns zeigen,
was seit Alters her
wirklich nottut.

Die Zeichen an den Wänden:
Sie neu zu schreiben vertreibt,
was sich gegen Menschen wendet,
die sie noch nicht kennen.

Gegen Rechtsaußen. Für das Menschenrecht.

Fast alles, was uns die angebliche Alternative zu einer demokratischen Gesellschaft für unser Volk aufzeigen will, aber in völkisch verblendeter Manier daherkommt und schnurstracks zu Unmenschlichkeit und einer Diktatur führt, ist widerwärtiger Schwachsinn.
Abschaffen wird man Schwachsinn nun aber bestimmt nicht können. Woran wir arbeiten müssen, soweit wir das vermögen, ist von einer Welt zu träumen zuerst, aber dann auch zu erzählen, die für alle Menschen (oder zumindest für den größten Teil der Menschheit) erstrebenswert ist – auch unter dem Aspekt, dass sie nicht auf dem Weg zu ihrem Ende ist. Das würde dem Schwachsinn den Boden entziehen, auf dem er wirken kann.
Eine bedingungslose Grundsicherung wäre wohl so etwas, was vielleicht anfangs nur in reichen Ländern möglich ist, aber perspektivisch in einer gerechter werdenden Welt überall möglich werden müsste. Das wäre eine Welt, in der jede Person, aber auch jede Vereinigung welcher Art auch immer, ihre Kreativität ohne eine Grundangst leben könnte, eine Kreativität, die allen Menschen zugute kommen will.

Göttlich

Göttlich ist nicht wie Gott allein;
göttlich ist der Ursprung des Lebensodems,
die Ruach, die Schöpferin allen Lebens;
göttlich sind Menschen, die Göttliches
uns aufscheinen lassen, fassbar machen,
anschaubar zu werden vermögen;
göttlich ist Gesang, Schönheit und Liebe.

Die alten Völker fassten dies alles
in anschauliche Götterfiguren.
Damit vermieden sie unheilstiftendes
Herrschergebaren, das nichts mehr
gelten ließ, als was als Befehl die Menschen erreichte.

Wo Dogmen aufgestellt wurden,
verschwand das Göttliche im Eiskalten
einer patriarchalen Gottesfigur,
neben der nichts Göttliches sonst
Platz hatte neben dem Alleinherrscher des Himmels.

Göttlich soll Göttinnen und Götter bezeichnen,
nicht Götter allein oder Gott.
Vielleicht brauchen wir ein neues Wort,
um es unzweideutig ausdrücken zu können
in Zukunft.

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