Lyrisches von Helmut Maier

Monat: Februar 2014 (Seite 1 von 2)

„Sex, Drugs & Broiler“ von Andrea Kuritko (Rezension)

Als ich Andrea Kuritko 2012 in Leipzig auf der Buchmesse traf, hatte ich keine Ahnung, welche Bedeutung Leipzig in ihrem Leben hatte – dass Leipzig sozusagen eine Metapher für die wundersame „Wiedervereinigung“ der Deutschen für sie war. Das erfuhr ich erst durch ihr Buch „Sex, Drugs & Broiler“. Oder war es eher eine Metapher für die Erfahrung eines Umbruchs im Zeichen neoliberalen Expansionstriebs nach dem Fall der Mauer?

Diese Frage zu beantworten ist die Aufgabe, d.ie uns Andrea Kuritko vielleicht unbewusst aufgetragen hat. Sie hat sie mit so viel Feuer und Witz garniert, dass es eine Freude ist, das Buch zu lesen. Die Freude wird auch nicht getrübt durch die Tiefen menschlichen Daseins, die sie schildert: Männer, die so tief sinken, indem sie sich als überlegen fühlen und gerieren. Die Überlebenden dagegen einer von einer eigentlich humanistisch gesinnten Elite errichteten Staatlichkeit, die zur Diktatur degenerierte, deren Überlebende also, die aufs Neue – und teilweise schlimmer – untergebuttert werden. Schlimmer, weil die Demokratie nun in kapitalistischem Kleid auftritt und sich als Befreierin selbst derer aufspielt, die in dem überwundenen Regime besser zurechtkamen als im neuen.

Wie erwähnt: Der Witz und die Erzählfreude lassen das auf weite Strecken vergessen. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass hier eine Frau erzählt, die als Beobachterin in diesem Spiel mehr als in die Dinge Verwickelte alles wie in kindlicher Unschuld erlebt und sich nicht korrumpieren lässt und nur staunen kann, wozu Menschen fähig und verführbar sind.

Dass es Männer sind, die in so einer alle Chancen zu eröffnen scheinenden Umbruchszeit von dem „Virus der grenzenlosen Freiheit, weit weg von Mutti und den Bälgern, weg von Spießigkeit, Alltag und Langeweile“ befallen wurden, darf in einer neoliberalen Gesellschaft nicht verwundern. Dass die Autorin sieht, dass „alle, restlos alle, mit denen ich damals zu tun hatte, … infiziert“ wurden und „in das atemberaubende, scheinbar zügellose, Nachtleben von Leipzig ein“tauchten, beweist, dass der Firnis über der Kultur heutiger Demokratien – aus denen sie ja kamen – nur hauchdünn ist und in einer Umbruchszeit nichts mehr zusammenhält. Das zu erkennen könnte uns helfen, eine neue Gesellschaft anzustreben, in der wirklich Gerechtigkeit lebt.

Schubarts (und Schuberts) „Forelle“

Christian Friedrich Daniel Schubart hat eine Warnung vor Tyrannen geschrieben, die heimtückisch gegen Andersdenkende vorgehen (wie zum Beispiel gegen ihn, den Herzog Karl Eugen nach Blaubeuren gelockt hat und ihn dort verhaften ließ) – – und das während seiner Kerkerhaft auf dem Hohenasperg):

In einem Bächlein helle,
Da schoß in froher Eil
Die launische Forelle
Vorüber, wie ein Pfeil:
Ich stand an dem Gestade
Und sah in süsser Ruh
Des muntern Fischleins Bade
Im klaren Bächlein zu.

Ein Fischer mit der Ruthe
Wol an dem Ufer stand,
Und sah’s mit kaltem Blute,
Wie sich das Fischlein wand.
So lang dem Wasser Helle,
So dacht’ ich, nicht gebricht,
So fängt er die Forelle
Mit seiner Angel nicht.

Doch endlich ward dem Diebe
Die Zeit zu lang; er macht
Das Bächlein tückisch trübe:
Und eh’ ich es gedacht,
So zuckte seine Ruthe;
Das Fischlein zappelt dran;
Und ich, mit regem Blute,
Sah die Betrogne an.

Als Tarnung gegen die Zensur hat er noch diese Strophe hinzugefügt (die Franz Schubert n i c h t in sein Kunstlied einbezogen hat):

Ihr, die ihr noch am Quelle
Der sichern Jugend weilt,
Denkt doch an die Forelle;
Seht ihr Gefahr, so eilt!
Meist fehlt ihr nur aus Mangel
Der Klugheit; Mädchen, seht
Verführer mit der Angel –
Sonst blutet ihr zu spät.

Optimistische Vision

Der Volkstribun auf der Tribüne,
getrieben wie eine Turbine,
schimpft gegen alles Hergewander.
Er kennt halt gar kein Miteinander
mit Menschen, die von anderswo.
So ein Gefühl macht ihn nicht froh.
So wählt das Volk ihn auf der Stelle
schlicht ab. Das ist doch clever. Gelle?

Grundsatzfrage

Sonne ist gut.
Regen ist schlecht.
Was aber,
wenn die Pflanzen dürstet?

Verantwortung ist gut.
Sich verweigern ist schlecht.
Was aber, wenn
militärisches Eingreifen
als verantwortliches Handeln gilt?

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