Lyrisches von Helmut Maier

In fremden Gefilden

In diesen Zeiten
möchte ich mir vorstellen,
ein Migrant zu sein.
Ein wenig bin ich es schon:

Ich wohne nicht an meinem
Geburtsort
mehr.
Eigentlich bin ich fremd hier,
aber einigermaßen
anerkannt wohl.
Aber ich war im Staatsdienst,
also versetzbar.

Aber ich möchte mich einfühlen
in eine*n,
die oder der
aus einem fremden Land kommt.
Nein, sein oder (womöglich auch:) ihr Schicksal
will ich wohl nicht,
aber nachfühlen, wie es ihr oder ihm
geht in einem fremden Land.

Ich bin bestürzt, wenn ich höre:
Die sind doch Fremde hier,
sollen sich nicht so haben,
müssen sich eben anpassen!
Eben?

Geflohen aus schöner Heimat
oder grässlichen Verhältnissen
oder einfach aus Hunger,
aus purer Armut,

wie einst die Deutschen,
die flohen nach Amerika.
Ach, wenn ich es ihnen
nachfühlen könnte,
wenn sie Nachzug
fürchten. Sie wissen’s
wohl „besser“?

Und hier: die Deutschen,
die auch Nachzug fürchten,
die auch verachten, wer anders
gar ist als sie selber
oder in einem demokratischen Land
ihre Rechte in Angriff genommen werden?

Ach, ich möchte das alles nicht,
bin traurig nur, wenn solche
auf „Heimat“ pochen,
auf das, was mir selbst
neu gegeben,
und jenen Migranten
vielleicht doch auch schon?

6 Kommentare

  1. Anna-Lena

    Lieber Helmut,

    wir alle sind Migranten, wie du in deinen Zeilen so schön und treffend beschriebst, doch viele von uns sind freiwillig woanders hingegangen.

    Was haben wir aber in den Zeiten des Kolonialismus alles getan, um das Elend vieler Völker zu beginnen und kräftig voranzutreiben. Wie viele von unseren Landsleuten „wandern“ aus, weil das Leben in anderen Ländern einfach billiger ist und betreiben modernen Kolonialismus?
    Was wir – unser Volk – mit einer Selbstverständlichkeit treiben und tun und auch in Anspruch nehmen, gönnen wir Menschen in Not nicht ansatzweise?
    Manchmal schäme ich mich meiner deutschen Herkunft.

    Nachdenkliche Grüße und danke für deine heutigen Zeilen.
    Herzlich,
    Anna-Lena

  2. Helmut

    Liebe Anna-Lena,

    Ich freue mich sehr über deine Antwort. Ja, es gäbe noch so viele Argument dagegen, dass die Behandlung von Migranten – auch solchen, die aus Verzweiflung über ihr Schicksal nach dem Strohhalm der Aggression greifen – so schlecht ist in unserem Land. Ich glaube allerdings, dass diejenigen, die das schnell und unhinterfragt abtun als Straftat, einfach dem zur Zeit gültigen Mainstream folgen und Argumenten für Migranten durchaus folgen können, wenn sie ihnen deutlich gemacht werden könnten in den Medien.

    Danke noch einmal
    und ganz liebe Grüße
    Helmut

  3. Bruni | Wortbehagen

    Ich wurde als Tochter eines Vertriebenen aus Niederschlesien und einer Saarländerin geboren, mein Vater wurde bis an sein Lebensende nicht wirklich heimisch im Land am Rande der Bundesrepublik…
    Geht man den Familiennamen nach, kommt man oft auf eine Herkunft aus der Fremde…

    Liebe Grüße von Bruni

  4. Helmut

    Vielen Dank für den Bericht aus der eigenen Erfahrung, liebe Bruni. Ja, die Menschen, die Migranten verachten oder auch verwünschen, sollten sich solche Schicksale wie deines, beziehungsweise deines Vaters mal durchdenken. Wenn Deutsche so schwertun in Deutschland, wie soll es Menschen aus fremden Kulturen da gehen?

    Ganz liebe Grüße
    Helmut

  5. Isabella Kramer

    Das berührt mich tief und erinnert mich einmal mehr an die eigenen Wurzeln. So lange es Menschen gibt, sind wir gewandert, aus vielerlei Gründen und niemals war der Weg oder das Ankommen leicht. Wir Menschen sorgen schon dafür, dass es das nicht wird. Aber es ist nichts unbedingt Deutsches, dieses Fremdeln und Ausgrenzen. Es ist bedauerlicherweise etwas Menschliches im wahrsten Sinne des Wortes. Und genau DAS macht auch mich unendlich traurig.

    Sei lieb gegrüßt von
    isabella

  6. Helmut

    Liebe Isabella,

    ein so wichtiger Beitrag das ist von dir! Ob das etwas typisch Deutsches ist oder nicht, kann ich nicht beurteilen – aber das ist auch gleichgültig: es ist auf jeden Fall sehr lästig oder auch gefährlich. Auf dieser unserer Welt ist das sogar unglaublich dumm. Wie sehr sind wir doch alle miteinander verbunden. Es ist dumm, dass wir meinen, wir selber seien der Mittelpunkt der Welt und nichts anderes gelte sonst. Vielleicht ist es nicht einmal so zum Traurigsein. Kommen wir doch darüber hinweg!

    Ganz liebe Grüße
    Helmut

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