Lyrisches von Helmut Maier

Monat: November 2008 (Seite 1 von 4)

Paläolithischer Verstand

In wildem Denken
Mondphasen und Hörner
in eins setzen.
Am Himmel
die Erde sehen.
Moose in ihrer Qualität
als Ruhepolster
gewahren.
Schalensteine
als Kopfkissen,
weil aus ihnen
Geheimnisse sprechen
von Himmelstreppen.

Sich einladen lassen
von Fremden,
wer in die Fremde geraten,
ganz ohne Scham.
Und gastfreundlich sein
den Unbekannten,
weil sie dann freudig
Kenntnis gewähren.

Der Ratio ihren
ihr gebührenden Platz
zuweisen wieder,
aber nicht mehr.

Die Kunst des schönen Scheins
im Sein garantieren.

Siehe auch meinen Kommentar zu einem Haiku von Nannophilius im Forum von versalia.

Das Kommentargedicht von Paul Spinger dazu darf ich freundlicherweise in einer zweiten, vom Autor ebenfalls autorisierten Version darbieten:

Claude, der nannte sie Mytheme
Und erforschte die Systeme,
Wie die Menschen früher dachten.
Mythos, Dichtung und verwandte
Neue Fragen, alt bekannte,
Die die Menschen dichtend machten.

Und er wusste: Gegensätze
Sind der Mythen wahre Schätze,
Brachte sie ans Licht.
Das was uns die Mythen schenken,
Ist des Menschen wahres Denken,
So wie das Gedicht.

Gratulation

Heute wird  Claude Lévi-Strauss 100 Jahre alt.

Bei ihm fasziniert mich der Gedanke,
„dass das Denken der Angehörigen der vermeintlich „primitiven“ schriftlosen Kulturen demjenigen der Menschen in modernen Industriegesellschaften in kognitiver Hinsicht keineswegs unterlegen, sondern weitgehend lediglich auf andere Ziele gerichtet ist.“ ( Wikipedia)
„Nach Lévi-Strauss kann der Forscher durch Analyse der Mythen zu den grundlegenden Strukturen des menschlichen Denkens vorstoßen. Da jedoch die Mythen ihrerseits ein Produkt der entsprechenden Kultur sind, geben sie Informationen über die die Kultur strukturierenden Denkgesetze, welche ihrerseits durch die Struktur und die Wirkungsweise des menschlichen Gehirns bestimmt werden, die die menschlichen Ausdrucksformen strukturieren.“ (auch Wikipedia)

Ich glaube, dass das auch für die Lyrik eine große Bedeutung hat. Wir Produzenten von Lyrik müssen uns unbedingt damit auseinandersetzen, was „die grundlegenden Strukturen des menschlichen Denkens“ sind.
So wie die Mythen können Metaphern und sprachliche Symbole die Dinge in diese Strukturen einbetten.

Ich verweise auch auf das SWR2Forum.

Hunde, wollt ihr ewig spielen?

Sie wollen doch
nur spielen,
die Süßen,
sagten die Staatschefs.
Angst haben
muss man vor denen
nicht,
auch wenn sie bellen,
die global players.

Mindestens übersahen sie
(und übersehn es noch immer):
Diese Art Spielen
im weltweiten Kasino,
Spielen mit Wetten
auf Leben und Leiden,
Spielen mit den Nöten
und Sorgen von Millionen,
unreglementiert,
mit unglaublichen
Chancen auf Gewinn
(und keinesfalls geglaubte
Verluste),
kann, je höher die Einsätze,
desto mehr,
süchtig machen.

Aber wir kennen solche
warnenden Aufdrucke schon
von Zigarettenpackungen
und da sind sie ja auch
wirkungslos …

Schneeflächen

Würdeheischende Schneeflächen,
wortetragende,
Leere schaffend
immer wieder aufs Neue,
aber bereit
stets den Würdigen.

Kommentargedicht zu Paul Spingers „Worte im Schnee“. Ich finde jetzt schließlich, dass es auch alleine stehen kann.

Ein in den Kommentar dazu geschriebenes Gedicht von Hermann Josef Schmitz (von ihm freundlicherweise als ‚Variation‘ zu meinem bezeichnet):

schneeflüsse trieben
ungehindert über ausfallstrassen
verschwanden im nichts
dehnten sich steinfelder
im verborgenen von flussniederungen
schlingerten ausgesetzte gedanken
im unsicheren wind
mündeten kahle wurzeln
hinter der weisskalten zeit

Fugato

Die Zeit flieht nicht
in Pfeilrichtung davon.
Sie wirbelt Zukunft
uns zurück
und stöbert das Vergangene
für neue Vorhaben uns auf.
Abwechslung erquickt;
denn sie ist Teil
des stets in neuen Tänzen
sich dreh’nden Lebens.

Arbeitslos

Ach, das:
Arbeitslos.
Ach, das
Arbeitslos.

Ach, arbeitslos
will keiner sein.
Ach das!
Ach, das
Arbeitslos
zu tragen,
ist auch schwer.

Aber man muss
das Arbeitslos tragen
oder das Arbeitslos-Sein.
Man muss,
man muss,
man muss.

Da stimmt doch was nicht.
Ohne Zwang,
ja, ohne Zwang
arbeiten zu können,
das wär’s doch!

Das geht nur!
Das geht nur
mit
be-
di-
ngungs-
lo-
sem
Grund-
ein-
kom-
men.

Das wär’s!

—–

Anagrammatische,
vielleicht auch dramatische
Alternative
für schwäbische Herrenreiter:

ARBEITSLOS
REITA BLOSS

Schbädherbschd

D’r kloine Kaschdaniabaum
an d’r Schdroßaeck
isch scho faschd kahl.
Bloß ondarom
hot’r an Kranz
von gäale Blädder,
zom Doil au scho
erdfarbig braun,
faschd v’rgammelt.
S’g’mahnd me halt
an mein Meggas
mit seim graue Kranz.
Ällas hot halt sei End.

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